• Franz Schreiner in Vordergündig-Hintergründig
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Dass am Red Bull Ring in Zeiten von Corona überhaupt ein Rennen gestartet werden kann, ist auch Franz Schreiners Verdienst. Der Linzer Zivilingenieur half mit seinem Gutachten, dass nach langer Zeit bei einer Motorsportveranstaltung die Ampel wieder auf Grün geschaltet werden kann.

Als Gutachter ist Schreiner Bindeglied zwischen den regionalen Behörden, die Gesetze und Regeln vorgeben und dem Renn-Veranstalter am Red Bull Ring. Der Linzer muss kontrollieren, ob die Vorgaben auch eingehalten werden. Vorwiegend ist der 76jährige für die Sicherheit abseits der Strecke verantwortlich. Auch wenn an beiden Rennwochenenden 2020 in Spielberg keine Zuschauer zugelassen sind, waren im Vorfeld der Rennen viele Fragen zu klären, erinnert sich der Gutachter.

Gravierende Unterschiede

Der gravierendste Unterschied ist heuer neben den leeren Rängen, dass alle am Ring Beschäftigten eine Maske tragen und einen 2-Meter-Abstand einhalten müssen. Dies sei besonders in den Boxen schwierig, erklärt Schreiner. Die Teams sind getrennt untergebracht, damit keine Cluster-Bildungen entstehen können. Logistisch wurde darauf geachtet, dass sämtliche Arbeitsschritte auf kürzestem Weg zu erledigen sind und somit auch die Kontakte auf ein Minimum reduziert werden. Die Versorgung erfolgt über ein zentrales Catering. Am 24. Juni ist die Genehmigung für beide Rennwochenenden am Red Bull Ring erteilt worden. Nun kommen bereits weitere Anfragen von Veranstaltern, zum Beispiel aus Silverstone, wo ebenso wie in Spielberg zwei Rennen gefahren werden.

Formel 1 – Veranstalter bauen auf Spielberg-Erkenntnisse auf

Die Formel 1 baut auf jene Erkenntnisse, die in Spielberg gewonnen werden, auf. Hier wurde zwei Monate lang intensiv daran gearbeitet, um Rennen zu ermöglichen. Die Situation habe alle Beteiligten ins Schwitzen gebracht, so Schreiner. Selbst wenn während der beiden Rennwochenenden ein Corona-Fall auftreten würde, kann die Formel 1-WM weitergeführt werden. Sollte innerhalb eines Rennstalls ein Mitarbeiter erkranken, wird mit ziemlicher Sicherheit das gesamte Team von der WM ausgeschlossen, meint Schreiner. Das letzte Wort habe dabei aber die medizinische Kommission, in Abstimmung mit den jeweiligen Behörden in den Ländern. An einem gewöhnlichen Rennwochenende in Spielberg sorgt der Ziviltechniker Schreiner vorwiegend für die Sicherheit abseits der Rennstrecke. Es gibt Regeln, Verordnungen und Richtlinien, die überprüft werden.

 Jochen Rindt – mit Enthusiasmus und Ausstrahlung zum Erfolg

Die Formel 1-Weltmeisterschaft geht heuer bereits in ihre 70. Saison. Im August 1970, also vor 50 Jahren, wurde das erste Rennen am Österreichring ausgetragen. Es war eine Zeit, in der jährlich mehrere Todesopfer unter den Fahrern zu beklagen waren, weiß Schreiner. Dennoch scheuten die Piloten das Risiko nicht. Einer der jungen Wilden von damals war der Österreicher Jochen Rindt. Aufgrund seiner Ausstrahlung wurde er zum Idol einer ganzen Generation. Die Verbreitung der Formel 1 war früher bei weitem nicht so groß wie heute, weiß Schreiner, aber es entstand dennoch eine große Begeisterung für diesen Sport.

Im September jährt sich der tödliche Unfall von Jochen Rindt bereits zum 50. Mal. Er war der erste Österreicher in der Formel 1 und wurde posthum zum Weltmeister. Im Abschlusstraining zum Grand Prix von Italien in Monza, am 5. September 1970, brach bei seinem Lotus die vordere rechte Bremswelle und der Wagen prallte mit voller Geschwindigkeit in die Leitplanke. Rindts Tod erschütterte eine ganze Nation. Der Lotus-Pilot hatte den damals neuen 6-Punkt-Sicherheitsgurt nicht korrekt angelegt, da er befürchtete, bei einem Feuerunfall nicht rechtzeitig aus dem Auto kommen zu können. Sein Wagen brach in zwei Teile, deshalb ragten Rindts Beine ins Freie. Die Wucht des Aufpralls hat ihn gegen das Lenkrad geschleudert. Laut Aussagen von Ärzten starb der Rennfahrer an einer zerrissenen Luftröhre und einem eingedrückten Brustkorb.

Unfälle lösen Lerneffekt aus

Heute ist ein Formel 1 – Auto dank Kohlefaser-Cockpit derart stabil und die Sicherheitsmaßnahmen  für die hohen Geschwindigkeiten so berechnet, dass der Fahrer unter normalen Bedingungen selbst schwerste Unfälle übersteht. Seit 1963 überprüft der Dachverband des Automobilsports, kurz FIA, die Sicherheit der Rennstrecken, allerdings nicht in dem Ausmaß von heute, erklärt Schreiner, der seit den späten 1950er Jahren den Motorsport verfolgt. Damals gab es noch keine Sicherheitsbestimmungen.

Laut Schreiner hätten Unfälle, wie jene von Jochen Rindt, Niki Lauda oder Ayrton Senna einen Lerneffekt ausgelöst. Bereits Ende der 1960er Jahre führte die FIA Überrollbügel und feuerfeste Rennanzüge ein. Nach dem Rindt-Unfall wurden die Cockpits ständig verstärkt und ein medizinischer Dienst an der Strecke vorgeschrieben. In den 1980er Jahren setzten dann Konstrukteure nach und nach Kohlefaser ein und auch die ersten Crashtests wurden gemacht. Datenschreiber waren dann die große Errungenschaft der 1990er Jahre. Nun gibt es auch Sensoren in Renn-Anzügen, mit denen während des Rennens der körperliche Zustand des Fahrers überwacht wird. Außerdem ist der Kopfschutz stetig verbessert worden. Als den Brasilianer Felipe Massa 2009 beim Qualifying zum GP von Ungarn eine Stahlfeder unmittelbar über dem linken Auge traf, wurde der Cockpitschutz HALO eingeführt, der verhindern soll, dass Gegenstände in das Cockpit hineinfliegen können.

Sicherheitsmaßnahmen am Red Bull Ring

1987 wurde der Grand Prix von Österreich aufgrund von mehreren Startkarambolagen aus dem Rennkalender gestrichen. Auf Basis der vielen Erkenntnisse, die im Laufe der Zeit gewonnen und umgesetzt wurden, ist der Red Bull Ring heute wieder eine sehr sichere Strecke. Eine große Hilfe bei der Weiterentwicklung von Sicherheitsmaßnahmen seien seit rund 30 Jahren Computersimulationen, so Schreiner. Die Simulationen geben vorwiegend Auskunft darüber, wie lange das Fahrzeug benötigt, bis es zum Stillstand kommt. Außerdem wird gemessen, wie groß die Aufprallgeschwindigkeit an den Schutzvorrichtungen, also den Barrieren ist. Heute dürfen die Piloten in den Boxen nur mehr 60 Km/h fahren. Schutz für Zuschauer bieten die FIA-Zäune, die nach oben hin mit einer Abschrägung versehen sind. Somit können Reifen, Autoteile oder ganze Autos nicht in den Zuschauer-Bereich fliegen. Es gibt auch eine Draht-Konstruktion welche die Räder mit dem Auto verbindet und sie somit am Wegfliegen hindert. Ein Herzstück modernster Technik ist in Spielberg das Race Control Center. Hier werden auf rund 20 Bildschirmen die Aufnahmen der zahlreichen Kameras entlang der Strecke gesichtet. Es ist möglich, den gesamten Kurs einzusehen. Nicht mehr wegzudenken sind auch die verpflichtende Anwesenheit von Hubschraubern, sowie ein Krankenhaus mit Not-Operationsmöglichkeit an Ort und Stelle. Verbesserungen im Bereich Sicherheit können nur im Kollektiv entschieden werden. In den diversen Gremien befinden sich sowohl Hersteller als auch Gutachter sowie Vertreter der Landesverbände.

Neben dem Sicherheitsdenken haben sich auch die Fahrertypen verändert: Aus den Gladiatoren von einst sind mehr und mehr „Taktik-Tüftler“ geworden. Wegen des minimierten Risikos und den neuen Fahrertypen verliere die Formel 1 an Attraktivität, so Schreiner. In den 1970er Jahren ist es dem britischen Manager Bernie Ecclestone gelungen, die Königsklasse des Motorsports an die Spitze zu bringen. Den Zuschauer-Schwund der letzten Jahre konnte Ecclestone allerdings nicht verhindern. Auch die aktuelle Vermarktungsfirma Liberty Media habe noch kein Rezept gegen die nachlassende Attraktivität gefunden.

Formel E kann Formel 1 nicht überholen

In der Formel E stehen noch weniger die Fahrer als Gladiatoren im Mittelpunkt, denn auch Fans können ins Renn-Geschehen eingreifen. Laut Schreiner nehme die elektronische Rennformel eine wichtige Rolle in der Weiterentwicklung von E-Autos ein. Der Zivilingenieur geht davon aus, dass in den nächsten Jahren, in punkto Attraktivität, keine Parallelformel die Formel 1 verdrängen kann. Das sehe man alleine schon an den Zuschauerzahlen. Welcher Antriebsstrang nun das Rennen in der Zukunft machen wird, ist noch lange nicht entschieden, schätzt Schreiner. Auch wenn Verbrennungsmotoren aufgrund des Umweltgedankens rückläufig sind, habe die Formel 1 noch immer ihre Berechtigung. War es zu Beginn der Formel 1 der reine Enthusiasmus, der Konstrukteure und Fahrer Kopf und Kragen riskieren ließ, so können heute durchwegs viele Erkenntnisse für den Personenkraftwagen genutzt werden.

Steht nun die Technik im Vordergrund der Formel 1, waren es noch bis in die 1990er Jahre eher die Fahrer, die von den Fans unter anderem aufgrund der körperlichen Anstrengung zu Helden wurden. Immer wieder kam es vor, dass sie völlig erschöpft vom Siegertreppchen stürzten. Ein aktueller Formel 1-Fahrer müsse dafür konzentrierter sein als damals, weil er mehr geistige Aufgaben zu bewältigen habe, erklärt Schreiner. Der Reiz am Piloten geht allerdings mehr und mehr verloren. Wenn heutige Fahrer aussteigen, sind sie nicht verschwitzt. Im Grunde sieht man es ihnen nicht an, dass sie eineinhalb Stunden unter vollster Anspannung ihre Runden gedreht haben.

Auch die Möglichkeiten, in die Formel 1 zu kommen, haben sich verändert. Heute ist hauptsächlich das Sponsor-Geld entscheidend, mit dem sich ein junges Talent von anderen abheben kann. Um wieder mehr Fahrern eine Chance zu geben, wurde von der FIA eine Stiftung gegründet. Bereits anfangs der 1990er Jahre, als Schreiners Söhne Christian und Michael im Kartsport mit späteren Formel 1-Größen wie Fernando Alonso oder Lewis Hamilton gefahren sind, standen sie vor der Entscheidung, ob sie in die Königsklasse des Motorsports kommen wollen. Sie entschieden sich für eine risiko-ärmere Berufs-Laufbahn, in der sie auch erfolgreich wurden.

Schreiner selbst war ab 1972 30 Jahre lang als Fahrer im Rennsport tätig. Seine Karriere begann in Italien, wo er studierte und danach Schritt für Schritt die Rennsport-Stufenleiter hinaufgestiegen war. Mitte der 1990er Jahre, kurz vor Beendigung seiner aktiven Rennfahrerlaufbahn, wurde Schreiner Fahrervertreter und fand dadurch den Weg zur FIA. Besonders engagierte sich Schreiner für die Sicherheit im Kartsport, denn hier legen bereits Kinder den Grundstein ihrer Karriere, betont der Zivilingenieur. Fasziniert am Motorsport hat den Linzer neben der Technik vor allem die Geschwindigkeit. Der Gefahr, der sich ein Motorsportler aussetzen muss, war sich Schreiner stets bewusst, sagt er.

Offene Fragen

Zurück zum Formel 1 – Auftakt 2020 in Spielberg: Kann es heuer, aufgrund der zahlreichen Rennabsagen, überhaupt einen würdigen Champion geben? Oder wird der erfolgreichste Fahrer dieses Jahres als Corona-Weltmeister in die Geschichte eingehen? Viele Fragen sind offen. Vor allem, wie es um das Interesse der Zuschauer vor den Fernsehschirmen steht. Wird es wieder Mercedes sein? Ferrari oder Red Bull oder gar ein anderes Team, das siegen kann? Heuer sind noch viele Fragen offen, so Franz Schreiner, der Formel 1-Sicherheitsexperte aus Linz.

                                                                                                                                                       (Peter Pohn)