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Tagung des Instituts für Erziehungswissenschaft der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck ‚Migrationsforschung als Kritik? Ansprüche, Praxen, Reflexionen‘ am 9. und 10.12.2010 im Congress Innsbruck.

Audio-Dokumentation: Freies Radio Innsbruck – FREIRAD 105.9

Migrationsforschung als Intervention? Spielräume der Kritik

Teil 10 – Panel C1: Darja Klingenberg, Rubia Salgado, Annette Sprung, Brigitte Kukovetz, Wiebke Scharatow

Moderation: Elisabeth Ramoner, Claus Melter

Darja Klingenberg: Humoristische Narrative in der Migration – konversationelle Grenzüberschreitung als Artikulationsformen von Kritik?

Artikulieren Witze, überzeichnete Typisierungen der Mehrheitsgesellschaft oder die Erzählung von heldenhaft überwundenen Situationen Kritik und Widerständigkeit von Migrant_innen? In meiner empirischen Untersuchung zur Bedeutung humoristischer Narrative in der Alltagskommunikation russisch-jüdischer Migrant_innen in Deutschland wurde ich immer wieder mit diesen Fragen konfrontiert. Zwei der dabei entwickelten Thesen möchte ich im Rahmen der Tagung zur Diskussion stellen.

1.) Zum ersten ist es trügerisch, humoristische Konversationen von Migrant_innen per se zu einer Form des Kritischen zu stilisieren. Vielmehr eröffnet konversationeller Humor einen Raum, in dem Regeln der ernsten Rede, Anforderungen an Verhältnismäßigkeit, Wahrheit und Widerspruchsfreiheit außer Kraft gesetzt sind und so erlebte Missverständnisse, Widersprüche und Konflikte reflektiert, artikuliert und ausgehandelt werden können.

2.) Daran anschließend lautet meine zweite These, dass – wenngleich Humor in der Migration nicht notwendig kritisch ist – die reflektierte Berücksichtigung und die Analyse von humoristischen Narrativen und Scherzkonversation einen erkenntnisreichen Beitrag zu einer kritischer Migrationsforschung bieten kann. Daran anschließend möchte ich am Beispiel der komischen Heldengeschichte von russisch-jüdischen Migrant_innen zeigen, wie über die konversationelle Darbietung komischer Narrative Deutungshoheit über den Verlust von Handlungsmöglichkeiten und erlebte Kränkungen erobert wird.

Ab ca. 28:06

Rubia Salgado: Überwindung des Eurozentrismus in der Migrationsforschung? Ansätze einer Selbstorganisation

maiz* leistet seit 2002 politische und kritische Forschungsarbeit. Inhaltliche Schwerpunkte sind dabei die Prekarisierung von Arbeit und Leben, Frauenmigration und Care-Dienstleistungen sowie deren Verschränkungen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Themen bildet ein wichtiges Fundament für unsere politische Arbeit, das Lobbying und die Öffentlichkeitsarbeit. Die Frage der Forschungsethik liegt uns besonders am Herzen – vor allem im Hinblick auf die Positionierung und Situierung der forschenden Subjekte. In unserem Statement werden wir, ausgehend von unseren Praxen (welche stark in der lateinamerikanischen, partizipativen sowie kritischen Epistemologie von Paulo Freire eingebettet sind), eine Reflexion über unsere epistemologischen Beiträge für eine Überwindung des Eurozentrismus in der Migrationsforschung präsentieren.

Ab ca. 48:56

Annette Sprung: Transfer kritischer Forschung: Zur „Nützlichkeit“ kritischen Wissens für die (Weiter-)Bildungspraxis

Das hier vorgeschlagene Statement thematisiert die Frage des Wissenstransfers im Spannungsfeld kritischer Forschung und gesellschaftlicher Praxis (am Beispiel von Weiterbildung).

Der „interkulturelle“ Bildungsmarkt erlebt in den vergangenen Jahren eine beachtliche Expansion und bedient mit Angeboten zur sogenannten interkulturellen Kompetenzentwicklung eine Weiterbildungsnachfrage, die mit internationalen Kontakten in einer globalisierten Wirtschaft ebenso begründet wird wie mit migrationsgesellschaftlichen Herausforderungen. Nicht selten bauen Bildungskonzepte auf einem fragwürdigen kulturalistischen und instrumentellen Verständnis der angemessenen „Behandlung“ von Angehörigen bestimmter Herkünfte auf. Diskurse über interkulturelle Kompetenz und die damit verbundenen pädagogischen Konzepte werden in einigen Arbeiten der Bildungsforschung daher kritisch analysiert. Wie werden nun die aus dieser Analyse resultierenden Erkenntnisse und Forderungen (wie z.B. Dekonstruktion des Kulturbegriffes, Hinterfragen von Dominanzpositionen, Reflexion und Veränderung rassistischer Strukturen etc.) in den gesellschaftlichen Diskurs eingebracht bzw. auch konkret in Bildungskonzepte übersetzt? Und werden sie dann lediglich in ausgewählten pädagogischen Kontexten/Nischen (wie der politischen Bildung) als konstruktive Wissensgrundlage rezipiert, während sie beispielsweise in der beruflichen Weiterbildung schwer Akzeptanz finden? Welche „Nützlichkeitsvorstellungen“ lassen sich mit kritischer Forschung verbinden und inwieweit hat sich Wissenschaft über die Anschlussfähigkeit kritischer Befunde überhaupt Gedanken zu machen?

Ab ca. 01:06:04

Wiebke Scharathow: Effekte: Zum ‚Nutzen‘ der Forschung für die befragten Forschungssubjekte

Ein Element kritischer Migrationsforschung ist die Berücksichtigung der möglichen Effekte eines Forschungsprojektes. U. a. ist hier auch nach dem ‚Nutzen‘ einer Untersuchung für die Forschungssubjekte zu fragen – und dies nicht nur in ‚langfristiger‘ Perspektive (den Effekten, die eine Forschungsarbeit als Diskursbeitrag hervorrufen könnte), sondern auch nach dem unmittelbare Nutzen für die an der Forschung direkt Beteiligten. In meinem Promotionsprojekt zu ‚Diskriminierungserfahrungen und Handlungsstrategien von Jugendlichen‘ habe ich versucht ein Forschungsdesign zu konzipieren, das Pädagogik und Forschung verbindet und den an der Forschung beteiligten Jugendlichen mit Migrationshintergrund Räume der Reflexion und des Austausches mit dem Ziel der Erweiterung ihrer Handlungsmöglichkeiten und des Initiierens von Empowermenteffekten bietet. ‚Zwischenergebnis‘ der gemeinsamen Forschungsarbeit ist ein Dokumentarfilm, der die kritischen Stimmen der Jugendlichen einfängt und als Instrument in Bildungsarbeit und auch für weitere Forschungen eingesetzt wird. Über Vor- und Nachteile einer in dieser Weise subjektorientierten Forschung, würde ich gerne diskutieren.

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Die Tagung ‚Migrationsforschung als Kritik? Ansprüche, Praxen, Reflexionen‘ fragt nach Möglichkeiten und Grenzen kritischer Migrationsforschung, nach Methoden und Methodologie, nach dem Verhältnis von Migrationsforschung und Politik sowie nach dem politischen und epistemischen Anspruch kritischer Migrationsforschung. Die Tagung thematisiert die unterschiedlichen Spannungsfelder, in denen sich Migrationsforschung bewegt. Welches Verhältnis hat Migrationsforschung zum Ansatz und der Idee von Kritik? Welche Ansprüche, Praxen und Reflexionen sind bei einer sich kritisch verstehenden Migrationsforschung sinnvoll, üblich und angemessen?

Die durch Plenarvorträge sukzessiv eröffneten Diskussionen zu den Themenfeldern werden anschließend jeweils durch Sessions mit thematischen Kurzstatements von TeilnehmerInnen bereichert, fokussiert und ergänzt.