Bettina Buchholz und Johannes Neuhauser zu Gast

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Gespräch mit der Schauspielerin Bettina Buchholz und ihrem Mann, Regisseur und Autor Johannes Neuhauser über ihre Theaterprojekte.

Im Oktober 2015 begannen Johannes Neuhauser (Regie, Textfassungen) und seine Frau Bettina Buchholz (Schauspielerin) eine besondere mehrstufige Theaterarbeit – szenische Lesungen zu jüdischen Schicksalen in der NS-Zeit. – Bisher haben sie vier jüdische Schicksale, alle auch mit Linz- bzw. Oberösterreich-Bezug, mit berührenden und aufwühlenden Vorstellungen vermittelt.

Das erste Theaterprojekt galt Etty Hillesum („Etty – Erotik, Spiritualität und intellektuelle Leidenschaft“). Es stützte sich auf die Tagebücher der holländischen Jüdin Etty Hillesum, die im November 1943 (29jährig) in Auschwitz ermordet worden ist. Das zweite setzte mit Lesungen aus Textquellen von Etty Hillesum fort, Briefe, die sie aus dem Durchgangslager Westerbork geschrieben hat. Ettys tiefe Spiritualität und Solidarität mit den verfolgten Juden, gleichzeitig ihre Hassfremde beeindruckten die Zuschauer von etwa 20 Vorstellungen im Musiktheater, in der Synagoge Linz, im Theater Tribüne, in Steyr, Zwettl an der Rodl, Großraming, Lienz, Wattens und Innsbruck. In der Sendung liest Bettina Buchholz Texte aus den Tagebüchern bzw. aus Briefen aus Westerbork.

Mit dem zweiten Projekt gingen Neuhauser und Buchholz (mitgespielt haben auch deren Töchter Hannah und Helene) der Biografie der Linzer Jüdin Ilse Mass (geborene Rubenstein) nach, deren Vater an der Bismarckstraße eine Geschäft hatte. „1938 – Weg von Linz“ hieß das Stück, das sich mit den Folgen des Einmarsches Hitlers in Österreich am Beispiel der damals Zehnjährigen befasst. Den TheaterbesucherInnen wurde das Bild einer Frau vermittelt, die sich Witz, Freude und Lebensbejahung bewahrt hat.

Das vierte Projekt in dieser Reihe von zeitgeschichtlichen Zeugnissen widmeten Bettina Buchholz und Johannes Neuhauser der Lebensgeschichte von Harry Merl. Die szenischen Lesungen wurden wieder in der Tribüne Linz, aber auch in Wien im Theater Nestroyhof Hamakom aufgeführt. Harry Merl, der spätere Psychotherapeut, der die Systemische Familientherapie in Österreich beheimatete, war vier Jahre alt, als Österreich an NS-Deutschland angeschlossen wird. Seine Eltern werden zur Räumung hunderter verlassener jüdischer Wohnungen zwangsverpflichtet. Merl ist wie auf ihre Art Mass und Etty ein Beispiel für den Widerstand, den Verfolgte gegen den Gedanken an Vergeltung oder gegen die Verbitterung leisten.

In besonderer Weise verdeutlicht dies auch das vierte Theaterprojekt, das seit Anfang Februar – wieder in der Tribüne Linz – zum Besuch einlädt: „Würde ich hassen, hätte Hitler gesiegt“ ist dessen Titel. Es handelt von der tiefen Menschlichkeit des heute als 91jährigen in Jerusalem lebenden Malers Jehuda Bacon. Bacon, der in Ostrava (Mährisch-Ostrau) aufwuchs, verlor in verschiedenen Konzentrationslagern seine ganze Familie, nur seiner ältere Schwester gelang rechtzeitig die Flucht. Auch Jehuda kam in mehrere Konzentrationslager – zunächst nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz-Birkenau und schließlich im Februar 1945 nach Mauthausen, von dort ins Außenlager, das „Waldlager Gunskirchen“. Bacon beschreibt Mauthausen als die bis dahin schrecklichste Erfahrung, aber noch grausamer war es dann in Gunskirchen. Und dennoch: Bacon sagt: „Wer in der Hölle war, weiß, dass es zum Guten keine Alternative gibt.“  Ist es möglich, so fragt das Theaterstück, extremste Grausamkeit zu überleben, ohne daran zu zerbrechen? Gibt es eine Möglichkeit, auf Hass nicht mit Hass zu reagieren? Der jüdische Künstler hat einen Weg gefunden.

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