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Tagung des Instituts für Erziehungswissenschaft der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck ‚Migrationsforschung als Kritik? Ansprüche, Praxen, Reflexionen‘ am 9. und 10.12.2010 im Congress Innsbruck.

Audio-Dokumentation: Freies Radio Innsbruck – FREIRAD 105.9(Sorry für die z. T. schlechte Qualität. Die Ursache ist das Mikro, nicht die Aufnahme)

Migrationsforschung als Intervention? Spielräume der Kritik

Teil 10 – Panel C2: Stephan Blassnig, Yeşim Kasap Çetingök, Birge Krondorfer

Moderation: Paul Mecheril

Stephan Blassnig: Die Schwierigkeit, nicht paternalistisch zu sein

In der politischen Flüchtlings- und Migrationsarbeit stellt sich wie in kaum in einem anderen Betätigungsfeld die Frage von Repräsentations- und Machtverhältnissen, kurz: Wer spricht über wen? Aufgrund bestehender (Un)Verhältnisse geraten herrschafts- und systemkritische Gruppen und Personen, die zumeist der rechtlich privilegierten „weißen Mehrheit“ angehören, und sich FÜR die Rechte von Migrant_innen, Asylwerber_innen und Illegalisierte einsetzen in den Widerspruch, genau jene Machtstrukturen zu vertiefen, die es eigentlich zu überwinden gelte. In Anlehnung an das Buch von Kalpaka/Räthzel „Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein“ (1994), soll in diesem Beitrag die Schwierigkeit thematisiert werden, durch politische Arbeit im Bereich Migration und Anti-Rassismus nicht herrschaftslegitimierend und paternalistisch zu agieren. Außerdem wird mit Spivak die (postkoloniale) Frage umrissen, ob der/die Subalterne sprechen kann bzw. dies erlaubt/erwünscht ist und wie der Beitrag von „privilegierten solidarischen (weißen) Mehrheitsangehörigen“ zur Erreichung eines „Für-sich-selbst-sprechens“ von strukturell ausgegrenzten und marginalisierten Gruppen und Individuen aussehen könnte.

Ab ca. 31:43

Yeşim Kasap Çetingök:

Die migrationbedingte Heterogenität stellt sich als eine Herausorderung für die pädagogischen Organisationen dar, da diese ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert im Zuge der Modernisierungsprozesse auf nationalgesellschaftliche Homogenisierung hin orientiert waren. Die migrationsbedinge Heterogenität der Gesellschaft fordert nicht nur die pädagogischen Organisationen heraus, sondern erfordert auch Konzeptionalisierungen zur Erforschung des Umgangs mit diesem Phänomen, die das Kritikpotential der Migrationsforschung maßgeblich bestimmen.

Dieser Beitrag soll eine Diskussion zu der Frage eröffnen, inwieweit sich die theoretische Konzeptionalisierung der interkulturellen Kompetenz innerhalb der erziehungswissenschaftlichen Diskussion kritikfähig erweisen kann. Diese sozialpsychologisch orientierte Diskussion steht nämlich grundsätzlich für den Versuch explizit persönlichkeitsspezifische Merkmale des pädagogisch professionell Handelnden aufzulisten sowie Orientierungsmodelle in normativer Perspektive zu benennen, um die durch „kulturellen Differenzen“ hervorgerufene „ungewöhnliche“ Kommunikationssituation zu bewältigen. Sie stellt keinen gesellschaftlichen Bezug her. Sie ist auch Teil eines allgemein zu beobachtenden Übergangs von der Qualifikations- zu einer Kompetenzdiskussion zu betrachten. Zeitkritisch fällt auf, dass die Hochschätzung der Kompetenzen des Einzelnen mit der Krise der Sozialsysteme und der Marginalisierung staatlicher Regulationen wirtschaftlicher Prozesse durch die ökonomische Globalisierung zusammenfällt.

Es wird im vorliegenden Beitrag die These vertreten, dass der Begriff der pädagogischen Professionalität im Kontext der Migrationforschung wiedergewonnen werden sollte. Durch die Auswahl dieses Begriffes wird möglich sein, das pädagogische Handeln auch im interkulturellen Kontexten als professionelles Handeln zu betrachten und die gesellschaftlichen Desintegrationsprozesse der Migranten in der Krise der Wohlfahrtstrukturen offen zu legen, die nicht nur durch die Persönlichkeitseigenschaften der Professionellen erklärt werden können. Es müssten Konzeptionalisierungen entwickelt werden, die das professionelle Handeln in Verbindung mit der gesellschaftlichen Umwelt von Organisationen sehen. Der Blickwinkel derkritischen Migrationsforschung wird dadurch auf die pädagogischen Praxen gerichtet, die nicht unabhängig von politischen Praxen sind.

Ab ca. 55:49

Birge Krondorfer: Freiheit und/der Unterschiede

Hannah Arendt’s Theorie des Politischen differenziert deutlich zwischen Notwendigkeit und Freiheit, Familiärem und Öffentlichem, Gleichheit und Verschiedenheit. Es sollen die Spannungen zwischen dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und dem Bedarf nach Differenzen skizziert werden. Unter politischem Handeln versteht Arendt idealiter (auch) die sprechende Auseinandersetzung der Verschiedenen, aber auf Augenhöhe, die nur so gemeinsam die Welt gestalten können. Ihre Wertschätzung von Unterschieden und ihre Kritik an falschen Gleichheitsvorstellungen sind umstritten, aber in und für Konfliktzonen eine denkerische und politisch-praktische Herausforderung. Gerade für frauenpolitische Anliegen – zwischen Dominanzkultur und ‚Minderheiten’-Solidarität – wäre die Frage nach der Dialektik von (vereinnahmender) Inklusion und (exkludierender) Differenz eine endlich zu verantwortende. Nicht Freiheit von… sondern Freiheit für… .

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Die Tagung ‚Migrationsforschung als Kritik? Ansprüche, Praxen, Reflexionen‘ fragt nach Möglichkeiten und Grenzen kritischer Migrationsforschung, nach Methoden und Methodologie, nach dem Verhältnis von Migrationsforschung und Politik sowie nach dem politischen und epistemischen Anspruch kritischer Migrationsforschung. Die Tagung thematisiert die unterschiedlichen Spannungsfelder, in denen sich Migrationsforschung bewegt. Welches Verhältnis hat Migrationsforschung zum Ansatz und der Idee von Kritik? Welche Ansprüche, Praxen und Reflexionen sind bei einer sich kritisch verstehenden Migrationsforschung sinnvoll, üblich und angemessen?

Die durch Plenarvorträge sukzessiv eröffneten Diskussionen zu den Themenfeldern werden anschließend jeweils durch Sessions mit thematischen Kurzstatements von TeilnehmerInnen bereichert, fokussiert und ergänzt.