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Tagung des Instituts für Erziehungswissenschaft der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck ‚Migrationsforschung als Kritik? Ansprüche, Praxen, Reflexionen‘ am 9. und 10.12.2010 im Congress Innsbruck.

Audio-Dokumentation: Freies Radio Innsbruck – FREIRAD 105.9.

Erfordernisse, Möglichkeiten und Grenzen der Kritik politischer Praxen

Teil 06 – Panel B1: Sabine Aydt, Anna Wojciechowicz, Henrik Lebuhn, Michala Ralser

Moderation: Claus Melter

Sabine Aydt: Wie kommt die Kritik in die Praxis? Die Gestaltungsmatrix. Ein Modell kritischer Politikberatung

Erklärungsansätze aus den Sozial- und Kulturwissenschaften zu den Themenfeldern Migration und Integration sind für die Kommunikation in Praxisfeldern nur bedingt einsetzbar. Eine Voraussetzung für die Wahrnehmung kritischer Forschung durch lokale HandlungsträgerInnen ist daher eine „Übersetzung“ und nachvollziehbare Aufbereitung der Aussagen. Ansätzen forschungsgeleiteter Beratung kommt hier eine vermittelnde Rolle zu. Politikberatung verstanden als Gesellschaftsberatung zielt darauf ab, mit relevanten AkteurInnen eine soziale Praxis selbst-reflexiven Denkens und Handelns zu etablieren. Sie entwickelt Lösungen, die versuchen, Komplexität abzubilden und dennoch für die Praxis einfach handhabbar zu sein. Die ARGE Integrationsberatung hat im Zuge ihrer Aktionsforschung im Feld regionaler Politikberatung zur Analyse von integrationspolitischen Gestaltungsdimensionen das Modell der Gestaltungsmatrix entwickelt. Die Diskussion soll die Möglichkeiten dieser Annäherung an den Anspruch kritischer Migrationsforschung ausloten.

Ab ca. 20:13

Anna Wojciechowicz: Kritische Politikberatung aus Sicht erziehungswissenschaftlicher Migrationsforschung

In dem kurzen Statement soll es um die Spielräume und Perspektiven einer Einbindung von MigrationswissenschaftlerInnen in Politik beratende Gremien im Feld der Migrations- und Integrationspolitik gehen. In dem Maße, indem Migration und Integration zu einem Kernthema der deutschen Politik werden, kommt der wissenschaftlichen Expertise zu eben diesen Themen im Feld der Politikberatung eine besondere Relevanz zu. Dabei ist auffällig, dass in (selbst-) kritischer Perspektive erarbeitete Forschungsbefunde – insbesondere der qualitativ empirisch arbeitenden Migrationsforschung – in einer auf Quantifizierung von Befunden und deren vermeintlicher Eindeutigkeit ausgerichteten Politikberatung kaum Platz finden. Den Blick für differenzierende Befunde zu öffnen, sollte aber gerade Aufgabe einer kritischen Politikberatung aus der Perspektive erziehungswissenschaftlicher Migrationforschung sein. Unter welchen Bedingungen dies gelingen kann, soll anhand von konkreten Erfahrungen aus der Mitarbeit in Gremien auf unterschiedlichen Ebenen von Politik und Zivilgesellschaft diskutiert werden.

Ab ca. 43:19

Henrik Lebuhn: Migration, Citizenship, Recht: Ambivalenzen eines Diskurses

Citizenship“ stellt einen zentralen Begriff in der Migrationsforschung dar. Im Anschluss an T. H. Marshalls Aufsatz über „Citizenship and Social Class“ (1947) umfasst der Begriff weit mehr als nur die Dimension der „Staatsbürgerschaft“. Er erlaubt einen differenzierten Blick auf soziale, politische, ökonomische und kulturelle Dimensionen von Rechten, d.h. es geht um den legitimen Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe. Obwohl kritische AutorInnen den Begriff i.d.R. verwenden, um (normativ) für die Rechte von MigrantInnen zu argumentieren, reproduzieren sie dabei doch (implizit) meist zentrale gesellschaftliche Widersprüche. So wird z.B. oft unter der Prämisse der sozialen Kohärenz argumentiert. Ein Grund dafür ist, dass der Begriff „citizenship“ den bürgerlichen Staat und seine Nationenform stets voraussetzt (vgl. Hannah Ahrendts „Recht auf Rechte“) – und für eine kritische Reflektion dieses Rahmens daher kaum geeignet ist. In meinem Kurz-Statement will ich diese Kritik kurz entwickeln und an einem ausgewählten (Text-)Beispiel illustrieren. Das Fazit wäre allerdings nicht unbedingt eine völlige Abkehr von, sondern eher ein kritischer Umgang mit dem Begriff (vgl. etwa James Holston: „Insurgent Citizenship“).

Ab ca. 01:03:05

Michaela Ralser : Migrationsregime und Biopolitik

Das Statement will die Aufmerksamkeit auf ein spezifisches Migrationsregime im Bereich der europäischen Flüchtlings- und Migrationspolitik lenken: auf den Einsatz biometrischer Verfahren (D, A) der Altersfeststellung bei jugendlichen Flüchtlingen (u.a. dem Röntgen von Handwurzelknochen), wenn es um deren Bleiberecht (unter Jugendfürsorgebedingungen) geht, auf die Zwangsverpflichtung (F) einer DNA-Analyse zum Nachweis von Verwandschaftsbeziehungen, wenn es um den Nachzug von Kindern oder PartnerInnen (insbesondere aus Ländern Afrikas) geht, auf die in einigen deutschen Bundesländern verpflichtende Vorlage eines psychiatrischen Testgutachtens als Beleg der sexuellen Orientierung, wenn etwa verfolgte Homosexualität als Fluchtgrund im Asylverfahren geltend gemacht werden will. Wie beurteilen wir als kritische Sozial- und KulturwissenschaftlerInnen diese Re/Biologisierung von Phänomenen (Alter, Lebensform, Sexualität) in einem bestimmten Gesellschaftssegment? Was ist aus der Kenntnis- und Zurkenntnisnahme dieser Wirklichkeiten, ihrer Bedingungen und Wirkungen für eine kritische Migrationsforschung zu gewinnen?

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Die Tagung ‚Migrationsforschung als Kritik? Ansprüche, Praxen, Reflexionen‘ fragt nach Möglichkeiten und Grenzen kritischer Migrationsforschung, nach Methoden und Methodologie, nach dem Verhältnis von Migrationsforschung und Politik sowie nach dem politischen und epistemischen Anspruch kritischer Migrationsforschung. Die Tagung thematisiert die unterschiedlichen Spannungsfelder, in denen sich Migrationsforschung bewegt. Welches Verhältnis hat Migrationsforschung zum Ansatz und der Idee von Kritik? Welche Ansprüche, Praxen und Reflexionen sind bei einer sich kritisch verstehenden Migrationsforschung sinnvoll, üblich und angemessen?

Die durch Plenarvorträge sukzessiv eröffneten Diskussionen zu den Themenfeldern werden anschließend jeweils durch Sessions mit thematischen Kurzstatements von TeilnehmerInnen bereichert, fokussiert und ergänzt.