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Tagung des Instituts für Erziehungswissenschaft der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck ‚Migrationsforschung als Kritik? Ansprüche, Praxen, Reflexionen‘ am 9. und 10.12.2010 im Congress Innsbruck.

Audio-Dokumentation: Freies Radio Innsbruck – FREIRAD 105.9.

Was heißt Kritik (in der kritischen Migrationsforschung)?

Teil 03 – Panel A1: Petra Neuhold, Paul Scheibelhofer, Tina Spiess, Bernd Lederer

Moderation: Susanne Arens

Petra Neuhold, Paul Scheibelhofer: Kritische Migrationsforschung ohne kritische Methoden?

In unserem Statement wollen wir verdeutlichen, dass kritische Migrationsforschung nicht ohne kritische Methoden(-reflexion) auskommt. Als vorwiegend qualitativ arbeitende Forscher_innen wollen wir dabei bewusst auf eine Kritik an qualitativen Methoden fokussieren. Im Verhältnis zu quantitativen Zugängen werden diese oftmals vorschnell als die prinzipiell kritischeren Methoden dargestellt. Anhand einer Auseinandersetzung mit Grundverständnissen und Verfahrensweisen populärer qualitativer Forschungsmethoden (v.a. Objektive Hermeneutik sowie Grounded Theory) wollen wir jedoch die Probleme und Widersprüche aufzeigen, die mit ihrer Verwendung für eine sich kritisch verstehende Migrationsforschung einhergehen. So beruhen diese Zugänge nicht nur auf einem positivistischen Wissen(schaft)sverständnis, sondern auch auf einem methodologischen Nationalismus (Glick Schiller). Auch qualitativ ausgerichtete Forschung kann daher – so unsere These – am Prozess des herrschaftlichen „Making of Migration“ (Mecheril) teilhaben (und tut dies in jüngerer Zeit auch vermehrt). Vor diesem Hintergrund und in Anknüpfung an kritischen methodologischen Zugängen wie sie etwa von Gutiérrez Rodríguez und anderen postkolonialen Feministinnen entwickelt wurden, sollen schließlich Beispiele alternativer Vorgehensweisen aus den eigenen Dissertationsprojekten herausgegriffen werden, um auch die damit verbundenen Widersprüchlichkeiten und Herausforderungen zur Diskussion zu stellen.

Ab ca. 33:40

Tina Spiess: Subjektpositionen im Diskurs. Artikulation und Agency als Konzepte der Kritik in der Migrationsforschung

Migrant/innen werden im gesellschaftlichen Diskurs zumeist als ‚kulturell Andere’ wahrgenommen, die sich anzupassen haben bzw. unter dem Stichwort ‚Integration’ in spezieller Weise gefördert und behandelt werden müssen (vgl. z.B. Mecheril/Rigelsky 2007). Soziale und räumliche Mehrfachbindungen gelten innerhalb dieses Diskurses, der in Politik, Medien und auch in der (Migrations-) Wissenschaft (immer noch) (re-)produziert wird, als defizitäre Folgen einer gescheiterten Integration;und nicht als Ergebnis der Auseinandersetzung mit den Bedingungen der Migration.

In meinem Kurz-Statement sollen plurale Formen von Zugehörigkeit in den Blick genommen und als Subjektpositionen im Diskurs diskutiert werden. Hierzu werde ich Halls Konzept der Artikulation und die damit zusammenhängende Möglichkeit der Handlungsmacht (agency) vorstellen und der Frage nachgehen, inwiefern die Integration dieser Konzepte in die eigene Forschung einen anderen Blick auf multiple Verortungen ermöglicht und dazu geeignet ist, Migrationsforschung als Kritik an dominanten gesellschaftlichen Diskursen zu betreiben.


Ab ca. 49:54

Bernd Lederer: Migrationsforschung zwischen Kritik und Affirmation

Die Akzeptanz akademischer Disziplinen wie Gender- oder eben auch Migrationsforschung ist über deren unbestreitbar hohe gesellschaftliche Relevanz hinaus auch dahingehend zu interpretieren, dass sich deren Anliegen und Erkenntnisse als kompatibel mit zentralen Paradigmen des neokapitalistischen Diskurses erweisen. Anhand jüngerer Texte von Zygmunt Baumann, Walter Benn Michaels u.a. wird argumentiert, dass sich Migrationsforschung dementsprechend auch als notwendiger Beitrag zur Modernisierung des Kapitalismus verstehen lässt. Amerikanische Universitäten etwa, so Michaels, seien heute zwar weniger rassistisch und sexistisch als noch vor wenigen Jahrzehnten, dafür studierten dort heute aber weniger Arme: „Wachsende Toleranz gegenüber wirtschaftlicher Ungleichheit und wachsende Intoleranz gegenüber Diskriminierung sind fundamentale Charakteristika des Neoliberalismus“. Migrationsforschung hat deshalb das hierin gründende Spannungsfeld zwischen den normativen Zielbestimmungen „Diversity“ und „Equality“, grundsätzlicher noch das Verhältnis von Gesellschaftskritik und Affirmation zu reflektieren und um dezidiert politisch-ökonomische Bezugnahmen und Verortungen zu erweitern.

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Die Tagung ‚Migrationsforschung als Kritik? Ansprüche, Praxen, Reflexionen‘ fragt nach Möglichkeiten und Grenzen kritischer Migrationsforschung, nach Methoden und Methodologie, nach dem Verhältnis von Migrationsforschung und Politik sowie nach dem politischen und epistemischen Anspruch kritischer Migrationsforschung. Die Tagung thematisiert die unterschiedlichen Spannungsfelder, in denen sich Migrationsforschung bewegt. Welches Verhältnis hat Migrationsforschung zum Ansatz und der Idee von Kritik? Welche Ansprüche, Praxen und Reflexionen sind bei einer sich kritisch verstehenden Migrationsforschung sinnvoll, üblich und angemessen?

Die durch Plenarvorträge sukzessiv eröffneten Diskussionen zu den Themenfeldern werden anschließend jeweils durch Sessions mit thematischen Kurzstatements von TeilnehmerInnen bereichert, fokussiert und ergänzt.