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Von der europäischen Leibherrschaft zur Herrschaft über das Leben

La monnaie vivante (Pierre Klossowski)

 

 

Libyen war im vergangenen Jahr Hauptdurchgangsland für Flüchtlinge auf dem Weg über das Mittelmeer nach Italien. Dort kamen 2016 181.000 Flüchtlinge an – 90 Prozent von ihnen reisten über Libyen.

Der britische „Guardian“  berichtet, dass bislang zwar „Gewalt, Ausbeutung und Sklavenarbeit“ zur Realität der durch Libyen geschleusten MigrantInnen gehörte, der Sklavenhandel selbst sich aber erst vor kurzem ausbreitete.

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) hatte letzte Woche einen Sklavenhandel mit Hunderten MigrantInnen im westafrikanischen Niger und im nordafrikanischen Libyen aufgedeckt. Die Organisation berichtete von zahlreichen Fällen von Menschen, die nach eigenen Angaben auf solchen Sklavenmärkten für 200 bis 500 Dollar verkauft wurden. Der IOM-Vertreter in Libyen, Othman Belbeisi, berichtete letzte Woche Dienstag in Genf, dass die Menschen oft monatelang festgehalten und ohne Lohn zu harter Arbeit gezwungen würden. Viele würden gefesselt oder eingesperrt. Frauen würden missbraucht oder zur Prostitution gezwungen. Die MigrantInnen seien gefoltert worden und hätten dabei ihre Familien anrufen müssen, damit diese die Schreie hören konnten. Die Wächter verlangten Hunderte Dollar Lösegeld. Nach Angaben der Betroffenen hungerten sich MigrantInnen zu Tode, die kein Geld aufbringen konnten.

“Migranten, die nach Libyen gehen, um nach Europa zu kommen, haben keine Ahnung von der Folter, die sie dort erwartet”, sagte IOM-Sprecher Leonard Boyle. “Sie werden verkauft, gekauft und weggeworfen, wenn sie nicht mehr von Nutzen sind.”

Ein 34-jähriger Überlebender aus dem Senegal erzählte laut Informationen des britischen „Guardian“, dass er die Wüste von Niger durchquert hatte. In Libyen hatten er und weitere Mitfahrer schließlich Geld für einen von Schmugglern organisierten Bus gezahlt, der sie zur Küste bringen sollte. Von dort aus wollten sie ein Boot nach Europa nehmen. Doch so weit sollten sie nie kommen: Der Fahrer brachte seine Passagiere zu einem Umschlagspunkt des Sklavenhandels.

Livia Manante von IOM sprach mit dem Senegalesen und weiteren MigrantInnen, die dessen Darstellung bestätigten. Nachdem der 34-Jährige verkauft worden war, sei er in einem notdürftigen Gefängnis in Libyen gelandet. Er und die anderen Gefangenen seien dem „Guardian“ zufolge gezwungen worden, ohne Bezahlung zu arbeiten. Wenn einer vor Erschöpfung starb, gingen die Kidnapper laut Manante zum Sklavenmarkt und kauften einen neuen.

Die Europäische Union hat bereits vor Monaten Soforthilfe zur Unterstützung der neuen Einheitsregierung in Libyen in Höhe von 100 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Das angestrebte Ziel ist, den Fluchtweg nach Europa mittels Aufrüstung der Küstenwache zu versperren, das Schlepperwesen zu bekämpfen und letztlich Auffanglager in Libyen zu errichten. Das einzige, was sie bislang daran hindert, ist die machtlose Regierung des Ministerpräsidenten al Sarradsch.

 

Menschen sind zu einer Währung politischer Wahl- und Machtkämpfe- nicht nur in der Europäischen Union und ihrer Mitgliedstaaten- geworden. Sie werden unter dem Namen „Flüchtlinge“ verhandelt.

Am Prinzip der merkantilen Benützung der einen Menschenkörper durch andere hat sich in der globalen Ökonomie wenig geändert.

Doch was bedeutet es, wenn in den Dispositiven der Freiheit und Gleichheit das Leben der „Anderen“ als „unbrauchbar“ vernichtet wird?

 

Dazu diskutieren: Gilbert Moyen, Hubert Mvogo, Cyril Chima Ozoekwe und Simone Prenner.