• michael archan
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Über einen Zeitraum von insgesamt 13 Monaten lebte Michael Archan in „La Mina“, einem von Roma (in Spanien „Gitanos“) dominierten Vorort von Barcelona. Seine forscherische Annäherung führte ihn dabei in verschiedene, in einem latenten Konflikt stehende Lager, die um Einfluss in der Roma Gesellschaft ringen. So arbeitete er etwa in dem auf Bildungsmaßnahmen fokussierten Kulturzentrum des Stadtteils als Englischlehrer und freundete sich mit den Mitgliedern eines sekulär-bürgerlichen Clan an. Später wurde er Mitglied des „Culto“, eine fundamentalistische Gitano-Kirchengemeinde, deren Einfluss auf die Gesellschaft mehr und mehr zunimmt und deren Wirkmächte er analysierte.

In seiner Arbeit „Der gute und der gläubige Gitano. Ethnisch definierte Religion und traditionelle Roma-Kultur im Konflikt“ geht es immer wieder um Fragen der Identität. Die „alte“, mobile Lebensweise der Roma mit ihren speziellen Werten und Hierarchien und ausgelassenen Festen wird für die Einen zu einer Projektionsfläche – fernab von Problemen wie Arbeitslosigkeit und Drogenkonsum. Für die Anderen ist gerade jene auf das Diesseits konzentrierte, hedonistische Ausrichtung ein Ausdruck des Teufels. Archan sprach mit den Ältesten, den „ancios“, deren Autorität immer weniger zu zählen scheint, mit einem sekulären Wirt, der die „traditionelle Roma-Kultur“ durch den „Culto“ zerstört sieht, mit Pristeranwärtern, Vertretern von NGOs, Kirchengegnern und vielen mehr. Am Ende zeichnet er ein Bild einer prekären, erodierten Gesellschaftsstruktur, in der Konflikte und ideologische Spaltungen unter der Oberfläche zwar existieren, man in der alltäglichen Lebenspraxis und der Verstricktheit der familiären und nachbarschaftlichen Strukturen aber immer wieder zusammenfinden muss.

Prekarisierte Selbstkonstruktionen. Konflikte um Identität in der Roma-Gemeinde von La Mina, Barcelona. Mit Michael Archan. Kulturanthropologische Gespräche # 22