• 66 No Coast - Jazz am Rande Amerikas zwischen den Küsten
    57:00
  • MP3, 256 kbps
  • 104.66 MB
Diese Datei enthält urheberrechtlich geschütztes Material Dritter und kann daher nicht heruntergeladen werden.

66. Sendung (Erstausstrahlung: Juni 2014)

No Coast – Jazz am Rande Amerikas zwischen den Küsten

Eine Anzahl intressanter Modern-Jazz-Combos entstanden im Sog des weltweiten Erfolgs vom experimentellen Bebop und West Coast Jazz, aber nicht alle Bands wurden jemals berühmt und international gefeiert. Ihre Sporen (dues) verdienten sie entweder im Studio oder auf Tourneen mit mehr oder weniger obskuren „terrority bands“. Ob weiß oder schwarz, es waren Jazzbands und Orchester ohne nationale Bedeutung, die in engen geographischen Grenzen innerhalb Nordamerikas arbeiteten. Weder West Coast Jazz, noch East Coast Jazz, sondern irgendwo dazwischen. Der mittlere Westen und der Südwesten der Vereinigten Staaten waren reich an solchen Gruppen, und hier, Anfang der 50er Jahre, lagen die Wurzeln eines Stils, der schließlich wichtiger werden sollte als der Sound von Kansas City aus der Swing-Ära oder der Hot-Jazz aus Chicago, die Zentren wichtiger musikalischer Strömungen während der Prohibitions- und Depressionszeit. Einige begabte Musiker/-innen kamen aus dem Kreis der Orchester von Benny Moten, Fletcher Henderson, Count Basie und Lester Young, oder es stießen junge Talente aus dem Nirgenwo dazu. So, das ist der Ausgangspunkt dieser Sendung über den progressiven, jedoch von dem Medien überschatteten Jazz der späten 50er Jahre im Hinterland von Amerika, in den Great Lakes, in den Rocky Mountains, den Twin Cities oder im Farmland von New England, also abseits der Metropolen und traditionellen Musikzentren New York, Los Angeles, Miami, Boston oder Chicago. Die amerikanische Jazz Szene und Gegenkultur hat sich mit der Zeit verlagert und ist in die Provinz gegangen. Waren die Orte Woodstock, Ann Arbor, Ithaca, Troy, Albany, Denver, Boulder, Austin, San Francisco oder Seattle noch vor wenigen Jahrzehnten verschlafene Nester und weiße Flecken auf der musikalischen Landkarte, so wurden sie bekannt als kreative hot spots mit einer jeweils eigenständigen Jazzszene gegen Ende der 50er Jahre. Es entwickelten sich im Laufe der Zeit regionale Schulen vom New Orleans-Stil, vom Chicago-Stil, vom Kansas City-Stil oder auch vom Harlem-Stil, die jeweils ihr charakteristisches eigenes und lokales Flair hatten. Etwa der nur lokal bekannte Pianist und Bandleader Bob Davis (*1927) aus Minnesota. Im Alter von nur 18 Jahren spielte er improvisierte Standards mit einigen der ganz Großen wie Sarah Vaughn, Dizzy Gillespie oder Charlie Parker bei ihren Gastauftritten in Minneapolis. Stan Kenton oder Count Basie prophezeiten dem jungen Burschen eine große Karriere und sahen in ihm einen versierten Pianisten, der seiner Zeit weit voraus war. Als musikalischer Arrangeur für Herbie Fields, gründete Bob Davies 1951 sein eigenes Quartet, mit dem er drei tolle Alben auf den Kleinlabels Stepheny und Zepher aufnahm. Davis war auch als musikalischer Leiter für die regionalen Playboy Clubs tätig, und er lehrte als Professor an einer High School in Minneapolis, zu dessen Schüler/innen einige bekannte schwarze Soulmusiker wie Tina Turner, Roberta Flack oder Prince gehörten. Nach seiner Pensionierung spielte er nur noch gelegentlich bei privaten Festen. Zur Glanzzeit in den späten 50er Jahre hatte seine höllisch heiße Gruppe häufige Gigs in Jazzclubs rund um den mittleren Westen der USA, einschließlich Chicago und Columbus, Ohio. Mit seinem swingenden Schlagzeuger im akrobatischen Stil von Buddy Rich war der aus Minneapolis stammende Stride-Pianist Bob Davis bekannt, die Aufmerksamkeit des Publikums mit technisch brillanten Soli und rasanten Akkordläufen zu ergattern. Es verwundert einem nicht, dass Bob Davis als Vorbilder sich ausgerechnet die beiden Klaviertiger Oscar Peterson und Bud Powell herausgegriffen hat, denn beide sind für ihre technische Virtuosität bekannt.

Bislang vermutete man nicht, dass es Modern Jazz in abgelegenen Berg- und Cowboy- Dörfern oder rauhen Mining Towns in den Rocky Mountains geben würde, wie das wenigen bekannte Jomar Dagron Quartet aus Denver, Colorado. Hierbei handelt es sich nicht um eine reale Person oder einen Leader, sondern der Name setzt sich aus den Namen der einzelnen Bandmitglieder zusammen: Jo Jo Williams, Marvin Halliday, Dag Walton und Ron Washington, die auch mit der Bop-Legende Phil Urso am Saxophon auftraten. Ihre seltene und obskure Platte heißt Rocky Mountain Jazz und ist im Jahr 1958 im Cosmopolitian Hotel in der Hauptstadt Denver aufgenommen worden. Am Cover ist ein idyllischer Bergsee mit einer Schnee bedeckten Bergspitze zu sehen, was auch nicht unbedingt passend für eine Jazzhülle ist.

Reese Markewich (*1936) bleibt ein Rätsel, denn Informationen über ihn sind spärlich und unverläßlich. Als Musikstudent an der Cornell University in Ithaca (New York) gründete er eine College Band mit Nick Brignola, die eine einzige LP aufnahm: New Designs in Jazz (1957). Aufgrund dieser starken Leistung wurde die Band beim nationalen Wettbewerb für die beste College Band mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Daraufhin spielte die Gruppe bei mehreren Jazzfestivals und hatte sogar einen erfolgreichen mehrwöchigen Gastauftritt im renommierten Jazzclub Cafe Bohemia in Greenwich Village. Mit dem Baritonspieler Nick Brignola nahm er noch eine weitere klasse LP This Is It (1967) auf, danach löste sich die Gruppe auf, und Markewich verdingte sich als Musikpädadoge und Notentranskriptionist, bevor er Psychologie an der NYU studierte, wo er bis zuletzt als Professor lehrte.

Der in Nürnberg geborene Pianist und Arrangeur Herbert (Herb) Pilhofer (*1931) begann als Teenager im Stil von Teddy Wilson zu spielen und trat in amerikanischen USO-Klubs und Musikshows der US-Army im besetzten Deutschland vor seiner Auswanderung nach Amerika aus. Seine Kompositions- und Improvisationstechnik ist von einer kammermusikalischen Qualität und lyrischen Instensität wie die seiner Vorbilder Jimmie Guiffre oder John Lewis. Er heiratete ein Mädchen aus Albert Lea in Minnesota, wo er sich auch ansiedlete. Ab 1958 trat er in der Region der Twin Cities (St. Paul und Minneapolis) auf, wo er seine erste Platteneinspielung für das Label Argo mit einem schlagzeuglosen Trio machte. Pilhofer trat mit sinfonischen Werken wie Three Pieces for Jazz Quartet and Orchestra (für das Minneapolis Symphony Orchestra) auf und schrieb Arrangements u. a. für Chico Hamilton, Conte Candoli und Art van Damme. Seit vielen Jahren ist er als Studiomusiker für Rock- und Popmusik sowie als Komponist für Film und Fernsehen tätig.

Musikbeispiele:

Dave Brubeck Octet: Prelude (Dave van Kreidt), rec. 1950
Reese Markewich Quintet: Hurricane Connie (Torrie Zito), rec. 1957
Herb Pillhofer: Sweets (Bill Russo) featuring Dale Olinger (g), rec. 1959
Jomar Dagron Quintet: Nothin‘ (Doug Walton)
Jomar Dagron Quintet: Pent-Up House (Sonny Rollins), rec. 1958
Bob Davis Quartet: Night in Tunisia (Frank Paparelli/Art Blakey), rec. 1957
Bob Davis Quartet: Willow Weep For Me (Ann Ronell), rec. 1957
Bob Davis Quartet: River Road (Bob Davis), rec. 1957
Bob Davis Quartet: Goose (Bob Davis), rec. 1957
Bob Davis Quartet: The Way You Look Tonight (Jerome Kern/Dorothy Fields), rec. 1957
Bob Davis Quartet: Nancy (Van Heusen/Silvers), rec. 1957
Bob Davis Quartet: The Song is You (Jerome Kern/IOscar Hammerstein), rec.1957
Bob Davis Quartet: I Remember April (DePaul/Raye/Johnston), mit Dave Karr (fl), Johnny Frigo (b), rec. 1958
Bob Davis Quartet: Blues in Orbit (Bob Davis), rec. 1958

Gestaltung & Am Mikrofon: Helmut Weihsmann
Tontechnik & Produktion: Gernot Friedbacher