• 65 Lost Souls - Tony Fruscella
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65. Sendung (Erstausstrahlung: Mai 2014)

Lost Souls – Tony Fruscella

Tony (Antonio) Fruscella (* 4. Februar 1927 in East Orange/N.J.; † 14. August 1969 in New York City) war italo-amerikanischer Abstammung und wuchs seit seiner Geburt bis zu seinem 14. Lebensjahr in mehreren Waisenhäuser seiner Heimatstadt nahe New York City auf, wo er zum Spiel der Trompete, vorwiegend klassischer Musik, im Schulorchester durch seinen ersten Lehrer Jerome Cruddle kam. Neben Chet Baker war Fruscella sicherlich der wesentlichste weiße Trompeter des Modern Jazz. Im gewissen Sinne ist Fruscella eine „moderne“ Version von Bix Beiderbecke oder Bobby Hackett, dessen stilistischen Merkmale er mit Finesse und Coolness erweiterte. Der junge Fruscella jammte nach seiner Entlassung aus der US-Army mit Lester Young (1947), Chick Maures (1948) und Gerry Mulligan (1954) in New York, trat sogar auf dem Newport Jazz Festival (1954) auf, und spielte schließlich in der berühmten Band von Stan Getz (1953/54), wovon es nur Bootleg-Aufnahmen gab. Sein Debutalbum machte er auf Atlantic (1955) mit dem Saxophonisten Allen Eager. Die spritzigen Arrangements stammten von seinem Kollegen Phil Sunkel. Mit dem Pianisten Bill Triglia ging er eine enge musikalische Verbindung ein, die zu gelungenen Jam-Sessions mit Phil Woods, Herb Geller und Phil Urso führten. Seine letzte Aufnahme vom 7. November 1955 stammte aus einem Benefizkonzert im New Yorker „Phytian Temple“ mit dem Hank Jones Trio auf dem raren Album „East Coast Jazz Scene“ auf Coral Records. Einige von uns wissen auch, dass es noch unveröffentliche Aufnahmen im Archiv von Atlantic Records mit ihm, gemeinsam mit dem tragisch verunglückten Brew Moore, gibt. Angeschlagen vom Alkohol, von Drogen und Depressionen, trat Fruscella gegen Ende der Cool-Ära kaum noch als ausübender Musiker in Erscheinung, denn er hatte als Junkie starke gesundheitliche und persönliche Probleme, die ihn entweder ins Krankenhaus oder Gefängnis brachten. „Seine Zeit“ kam erst Jahrzehnte nach seinem Tod mit der Wiederveröffentlichung einiger legendärer Sessions mit Stan Getz, dem jungverstorbenen Chick Maures und den Exil-Amerikaner Brew Moore auf Spotlite Records durch den rührigen englischen Liebhaber und Produzenten Tony Williams. Meiner Meinung nach mußte der junge Miles Davis irgendwann in seinen Lehr- und Wanderjahren Tony Fruscella begegnet sein bzw. „live“ gehört haben, denn man merkt unverkennbar einen gewissen Einfluss auf die Spielweise vom „coolen“ Miles.

Musikbeispiele:

Dear Old Stockholm (trad.) mit Stan Getz (ts), rec. Birdland, 23. Jänner 1953
Blue Bells (Phil Sunkel) mit Stan Getz (ts), rec. 9. November 1954
Tony‘s Blues (Tony Fruscella), rec. 7. November 1955
Salt (Phil Sunkel), rec. 29. März 1955
l‘ll Be Seeing You (Sammy Fain/Kahal), rec. 1. April 1955
His Master‘s Voice (Phil Sunkel), same
Let‘s Play The Blues (Phil Sunkel), same
A Night in Tunisia (Dizzy Gillespie) mit Phil Woods (as), rec. ca. Oktober 1955
Lover Man (Ram Ramirez) solo, rec. 3. August 1969

Gestaltung & Am Mikrofon: Helmut Weihsmann
Tontechnik & Produktion: Gernot Friedbacher