• 56 Progressive Jazz
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56. Sendung (Erstausstrahlung: August 2013)

Progressive Jazz ­- Integration von Jazz und Klassik

Progressive Jazz ist ein vermeintlicher Jazzstil bzw. Begriff, der in der Nachkriegszeit unter akademischen Jazzmusikern aufkam und sich vom Bebop dadurch unterscheidet, dass er sich der europäischen Moderne erschloss. Die Bezeichnung wurde in den späten 40er Jahren geprägt, als Boyd Raeburn, vor allem aber Stan Kenton mit seinem Arrangeur Pete Rugolo die Mittel des Jazz mit denen der zeitgenössischen Tonkunst verbanden. Der Begriff Progressive Jazz wird häufig von Jazzpuristen abgelehnt, nach deren Ansicht er nur eine Tendenz und keine spezielle Richtung des Jazz darstellt. Des weiteren sind viele Jazzmusiker der Auffassung, dass gerade sie in ihrem modernen Stil (Bebop, Hardbop, Cool, Free Jazz) progressiv sind, was mit zur Begriffsverwirrung beiträgt. Das Etikett hat erstmals der Konzertmeister Stan Kenton mit seinem Albumtitel A Concert in Progressive Jazz verwendet, um Aspekte seines eigenen Schaffens zu beschreiben. Kenton konnte hierbei insbesondere auf seine eigenen Hausarrangeure Pete Rugolo, Bob Graettinger, Bill Russo, Bill Holman oder Chico O‘Farrill mit ihren bombastischen Kompositionen und großorchestralen Arrangements mit einer massierten Fülle gewaltiger Akkorde und übereinander geschichter Klangmassen für die Kenton-Bigband zurückgreifen. Neben Duke Ellington und Count Basie blieben für längere Sicht für die allgemeine Entwicklung der progressiven Bigband im Jazz zunächst Stan Kenton und Woody Herman bestimmend. Im Raum zwischen Kenton und Herman entwickelten sich mehrere off-spin-Gruppen (Mulligan/Baker, Shorty Rogers, Howard Rumsey, Dave Brubeck) der Westküste und eine Reihe nennenswerter Orchester, die den von Kenton eingeschlagenen Weg weiter verfolgten. Les Brown machte eine solide, wenn auch gefällige Tanzmusik; das Orchester Claude Thornhill spielte unterkühlte, stark romantisierte Konzertmusik vom genialen Arrangeur Gil Evans, der gegen Ende der 40er Jahre den Klang des Miles Davis Capitol Orchesters anregte. Und Elliot Lawrence oder Hal McKusick hatten reißend swingende, gleichermaßen einfache Riffs und musikalisch interessante Arrangements von Gerry Mulligan, Tiny Kahn und Johnny Mandel als Markenzeichen. Boyd Raeburn leitete in der Mitte der 40er Jahre eine nennenswerte Bigband, die in mancher Hinsicht eine Parallele zur Kenton-Musik war und für seine Musik einen programmatischen Titel erfand: Boyd Meets Stravinsky. George Handy bzw. Johnny Richards sorgten für surreale, aberwitzige Arrangements und die großartigen Solisten Dodo Marmarosa, Oscar Pettiford, Shelly Manne und einmal sogar Dizzy Gillespie trugen viel Jazz-Feeling in die komplizierten Arrangements. Die Tradition des Swings sollte allerdings bei Raeburn und seinem begnadeten Arrangeur George Handy rundum erneuert bzw. überboten werden. Mit Einflüssen Strawinskys, Bartóks, Hindemiths, Milhauds, Debussys und anderer europäischer Komponisten entstand eine interessante und spannende, jedoch häufig überladene Version des Big Band-Jazz mit verschwenderisch besetzten Orchestern, in denen auch das klassische Instrumentarium nicht fehlte.

Musikbeispiele:

Stan Kenton, Prologue of This Is An Orchestra (Stan Kenton/Johnny Richards), rec. 1952
Boyd Raeburn, Boyd Meets Stravinsky (Raeburn/Finckel), rec. 1946
Bill Russo, Cathy (William Russo), rec. 1951
Bill Russo Cookie (William Russo), rec. 1951
Bill Russo & Shelby Davis (voc), Strange Fruit (Billie Holiday/Lewis Allen), rec. 1951
New York Saxophone Quartet, Sax Quartet #1 (George Handy), rec. 1964
Bob Alexander, Mambob (Bob Carter) mit Bob Alexander (tb), rec. 1956
Bob Alexander, Rush Hour (Bob Carter) mit Peanuts Hucko (ts), rec. 1956
Al Kink Quintet, Carioca (Vincent Youmans) mit Dick Hyman (p), rec. 1956
Al Kink Quintet, Spectacular (Dick Hyman) mit Dick Hyman (p), rec. 1956
Jimmy Giuffre, Suspensions (M.J.Q. Music), rec. 1957
John Lewis & Orchestra U. S. A., Sonorities for Orchestra (Hal Overton), rec. 1962

Gestaltung & Am Mikrofon: Helmut Weihsmann
Tontechnik & Produktion: Gernot Friedbacher