• 47 Jive a la Joyce
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47. Sendung (Erstausstrahlung: November 2012)

Jive à la Joyce ­ – Die Vokalgruppe Lambert, Hendricks, Ross (bzw. Bavan)

In den Bereich des Jazz-Scat-Gesangs gehört ein besonders interessantes Phänomen, die der Stimmnachahmung von Instrumenten bzw. die chromatische Nachahmung der Instrumente berühmter Soli, wie sie heute am besten Bobby McFerrin ausübt. Vor urlanger Zeit galt das unvergleichliche Vokaltrio Lambert, Hendricks & Ross als “the hottest new group in jazz“, denn ihr neuartiger, progressiver und atemberaubender Drive stand für eine neue Virtuosität und Spontanität im Jazzgesang. Die drei Sänger Dave Lambert (1917-1966), Jon Hendricks (* 1921) und Annie Ross (* 1930) gehörten musikalisch bereits zusammen, bevor sie 1958 das Bandkürzel LH&R erfanden. Leadsänger Dave Lambert und die anglo-amerikanische Sängerin Annie Ross hatten bereits vorher in verschiedenen Bands reinastigen Bebop gesungen und hatten dabei berühmte Solis der Hits von Count Basie und Duke Ellington bzw. Improvisationsweisen von Charlie Parker, Wardell Gray, Lester Young, Gerry Mulligan oder Art Farmer notengetreu nachgesungen und mit eigenen Texten versehen. Es waren vergnügliche, amüsante Geschichten, in denen die ganze Atmosphäre des Jazz­ und des damaligen Jargons der coolen Hipster in jeder Note mitschwang. Jon Hendricks schließlich ist nicht nur als boppiger und souliger Sänger bekannt, sondern auch als bizarr-surrealer Textdichter hervorgetreten. In seinen Texten ist es zum erstenmal außerhalb der Blues-Lyrics gelungen, eine Jazzsprache ohne Syntax und Worte zu schaffen. Das Gesangstrio unterlegte Instrumentalsoli vom souligen Saxophonisten Pony Poindexter mit ausgeklügeten Head-Arrangements und Live-Jive-Talk, die an Wortwitz und Phrasierung bis heute als unübertroffen gelten. 1955 entwickelten die beiden Sänger Lambert und Hendricks eine Gesangsvariante von Woody Hermans bekannter Saxophon-Formation (Four Brothers Sound) und gründeten mit der gebürtigen Engländerin Annie Ross das legendäre Gesangstrio LH&R, zu dessen Textdichter neben Jon Hendricks Oscar Brown Jr., Blossom Dearie und Fran Landesmann gehörten. In den folgenden sechs Jahren nahm das Trio neben seiner Klubauftritte jede Menge Jazzstücke auf, wobei sie Instrumentalimprovisationen anderer Jazzmusiker und dreistimmige Chorusse mit Texten unterlegt nachsangen. Da sie aber keine passenden Sänger für ihre irrwitzigen Ideen fanden, versuchten sie es selbst. Das war die Geburtsstunde ihres Trios, das von 1958 bis 1964 bestand. Gleich ihr aller erstes Album Sing a song of Basie (1957), das aus der Idee entstand, die Bläsersätze von Stücken der Count Basie Bigband Ton für Ton nachzusingen, wurde ein großer Hit. Annie Ross schied 1962 aus Gesundheitsgründen aus und wurde durch Yolande Bavan ersetzt. Miss Bavan stammt aus dem heutigen Sri Lanka und tourte am Beginn ihrer Karriere mit Graeme Bells Dixie-Band durch Australien und Asien. Weltbekannt wurde sie erst, als sie die erkrankte Annie Ross ersetzte. Mit Bavan nahm man drei phantastische Live-Alben mit dem Vokal-Ensemble auf, das nun unter dem Gruppennamen Lambert, Hendricks & Bavan firmierte. Nach Auftritten auf dem Newport Jazzfestival 1963 und in den renommierten New Yorker Jazzclubs Basin Street East und The Village Gate löste sich die Gruppe auf und Bavan begann ihre zweite Karriere als Schauspielerin beim Film und im Kabarett. Als Annie Ross 1962 nach England zurückkehrte, kam Dave Lambert 1966 bei einem unglücklichen Autounfall ums Leben und Annie Ross feierte ein famoses Comeback in den 70er Jahren mit einem anderen tollen Gesangstrio, das sich Hendricks, Ross & Georgie Fame nannte. Aber das ist wiederum eine andere Geschichte.

Musikbeispiele:

LH&R: Come On Home (Horace Silver) mit Ike Isaacs Trio, rec. 1961
LH&R: Everybody‘s Boppin (Jon Hendricks) mit Ike Isaacs Trio, rec. 1959
LH&R: Sermonette (Julian Adderley/Jon Hendricks) mit Isaacs Trio, rec. 1959
LH&R: Farmer‘s Market (Art Farmer/Annie Ross) mit Ike Isaacs Trio, rec. 1961
LH&B: One O‘Clock Jump (Count Basie) mit Stage Announcement, mit Pony Pondexter (as) & Gildo Mahones Trio, rec. Live Basin-Street East (NY) 1963
LH&B: Yeh-Yeh! (Earl Grant/Pat Patrick Mongo Santamaria) mit Gildo Mahones Trio featuring Clark Terry (tp) und Coleman Hawkins (ts), rec. Live Newport 1963
LH&B: Watermelon Man (Mongo Santamaria), rec. Live Newport 1963
LH&B: Sack o‘Woe (Julian & Nat Adderley), rec. Live Newport 1963
LH&B: Cloudburst (Leroy Kirkland/Jim Harris/Jon Hendricks), rec. Live Newport 1963
LH&B: Melba‘s Blues (Melba Liston) mit Pony Poindexter (ss), rec. Live Basin Street East 1963
LH&R: Little Niles (Randy Weston) mit Russ Freeman (p), Zoot Sims (ts), rec. 1959
LH&R: Hi-Fly (Randy Weston) mit Ike Isaacs Trio, rec. 1961
LH&R: Cottontail (Duke Ellington) mit Jimmy Jones Trio, rec. 1960

Gestaltung & Am Mikrofon: Helmut Weihsmann
Tontechnik & Produktion: Gernot Friedbacher