• 46 Cesky Jazz
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46. Sendung (Erstausstrahlung: Oktober 2012)

Cesky Jazz zur Zeit des “Prager Frühlings“

Die sog. “goldenen Jahre“ des Modern Jazz in der CSSR fielen in den kurzen Zeitraum von 1961 bis 1968. Die sog. plagiatorische Epoche des europäischen Jazz ging um 1960 allmählich zu Ende und seitdem ist es auch dem osteuropäischen Jazz hinter dem “eisernen Vorhang“ gelungen, durchaus eigenständige Leistungen zu erbringen. Die Situation der Jazzmusiker in der CSSR verbesserte sich aber erst, als man von offizieller Seite erkannte, dass der Jazz von proletarischer Herkunft und die Musik einer unterdrückten Klasse im kapitalistischen Amerika war. Seither genoss der Moderne Jazz in der CSSR eine bescheidene Anerkennung von offizieller Seite. Mit der Gründung des tschechoslowakischen Rundfunkorchesters im Jahre 1960, das drei Jahre später seinen Namen in Jazzstudio-Orchester änderte, wurde zum ersten mal ein staatlich gefördertes Jazzorchester in einem kommunistischen Land geschaffen. Jedenfalls zeigte diese offizielle Anerkennung durch den Staat, dass der Moderne Jazz als eine ernst zu nehmende Kunstform angesehen wurde, für die auch in einer sozialistischen Gesellschaft und kommunistischen Kulturpolitik ein kreativer Raum war. Dieser Wandel in der Haltung gegenüber dem Jazz wurde durch die Initiativen der Jazzfans von unten sowie durch die Bemühungen des Komponistenverbandes vorbereitet, aber er hätte ohne die Billigung und Mithilfe der staatlichen Organisationen und Institutionen niemals erfolgreich sein können. Der Weg über die staatlichen Organe schien die einzige Möglichkeit zu sein, auf dem sich der Jazz in der CSSR entwickeln konnte. Im gesamten “Ostblock“ war die Situation als Folge des kalten Krieges und der Ignoranz der Funktionärskaste stets schwierig für unbequeme Künstler, wie Kamil Behounek, Jiri Verberger und Lumir “Dunca“ Broz, sodass einige große Persönlichkeiten der tschechischen Jazzszene unter dem stalinistischen Regime ins Ausland abwanderten, ohne jemals wieder heimzukehren. Nur ein paar Bands, darunter die populären Orchester von Karel Vlach und Gustav Brom konnten sich mit seichter Unterhaltungsmusik über Wasser halten oder mußten aber ihr Repertoire auf lauwarme Swing-Tanzmusik beschränken. Für den zeitgenössischen Jazz der 60er Jahre war der Komponistenverband die entscheidende Institution, der die Musiker aus den verschiedenen Schulen zusammen gebracht hat. Der Hauptakzent wurde auf die technische Perfektion und Präzision gelegt, daneben auf Komposition und Arrangement. Das ist der Grund, warum der Modern Jazz in der CSSR von der besonderen Art des amerikanischen West Coast Jazz und des Third Streams war. Ein Beweis dafür war die fortschrittliche Arbeitsweise des ersten tschechischen Ensembles für modernen Jazz, das Studio Five, welches sich teils am MJQ, teils am Quartett Gerry Mulligan & Chet Baker oder an Dave Brubeck orientierte und in den nur drei Jahren seines Bestehens eine feste Grundlage für den intimeren, kammermusikalischen Combo-Jazz der folgenden Jahre festgelegt hatte. Seine Hauptvertreter waren der Vibraphonist Karel Velébny (1931-1989), der Typ des Denkers, Avantgardisten und Beatniks, und der urwüchsige Bassist Ludek Hulan (1929-1979), der mehr die impulsive, spontane und geradlinige Richtung bevorzugte. Ihre konträre Spielweise und persönliche Neigung spiegelte sich auch in den Ensembles wider, die sie leiteten, nachdem sie sich getrennt hatten. Velébny gründete 1964 sein SH Quintett (SHQ), das zunächst die Musik für das Puppentheater von Spejbl und Hurvinek spielte. Während Velébny immer mehr zum Mainstream neigte, ging Hulans Gruppe Jazz Studio bzw. Jazz Trio, später Jazz Sanatorium zum freien Jazz und hatten oft mehr den Charakter von improvisierten Jam-Sessions und Workshops mit spontanen Einfällen. Seit 1958 bis zu seinem Weggang in den Westen leitete Karel Krautgartner (1922-1982) eine Bigband von Weltruf. Dabei stellte der Solist Krautgartner mehrfach sein hohes technisches Können im Spiel und Arrangement unter Beweis. Ein anderer Komponist, der die frühere Cool-Schule von Lennie Tristano und den Third Stream verfolgte, war Pavel Blatny (* 1931), der von sich sagte, er benutzt Jazzelemente in seinen ausgeklügelten Partituren zwischen Notation und Improvisation, um die kalten Strukturen der Neuen Musik zu beleben. Solche neue Tendenzen im Jazz griffen auch die aus der Slowakei kommenden Musiker Laco Deczi (* 1938), Karel Ruzicka (* 1940), Rudolf Rokl (1941-1997) und Paul (Pavol) Polanski (1925-2010) auf, und verbanden sie mit der Volksmusik ihrer Heimat. Die jüngere Generation um den virtousen Bassisten George (Jiri) Mraz (* 1944) und das sog. “Junior Trio“ um die halbwüchsigen Spieler Jan Hammer Jr. sowie die beiden Brüder Alan und Miroslav Vitous, begleitet von Jans Mutter Vlasta Pruchová am Gesang trat beim internationalen Jazzwettbewerb in Wien (1966) auf und begeisterte das Publikum bei Konzerten im Ausland, bevor sie alle nach Amerika gingen. Die Ereignisse von 1968 und das brutale Ende des “Prager Frühlings“ durch Sowjetpanzer und behördliche Repressalien, wurde von den Intellektuellen und Historikern in der CSSR “die Zeit der Krise“ genannt. Sie hinterließ ihre Spuren in allen Bereichen der Kultur, selbstverständlich auch im Bereich des Jazz. Abgesehen davon, dass einige hochkarätige Jazzmusiker wie Jan Konopàsek, Karel Krautgartner, Jiri Mraz, Jan Hammer, Laco Deci, Milan Pilar und Miroslav Vitous das Land fluchtartig verlassen haben, grassierte unter den verbliebenen Jazzmusikern die Angst und Vorsicht gegenüber den Behörden, nicht unbedingt verdächtig aufzufallen. So wurden bald das internationale Prager Jazzfestival und die Bratislava Jazz Tage eingestellt. Der Konflikt zwischen der Jazz-Sektion und den Behörden vertiefte und verschärfte sich und führte schließlich zum offenen Bruch. Die Union der Jazzmusiker wurde 1984 aufgelöst, und fünf ihrer Vorstandsmitglieder verhaftet

Musikbeispiele:

Pavol Polansky Quintet: Ingrid (Ladislav Gebhardt) feat. Milan Belan (tp), rec. 1965
Karel Velébny & SHQ: Zbabelé Blues [Coward Blues] (Karel Velébny), rec. 1963
Karel Velébny & SHQ: Blondynka (The Blonde) (Karel Velébny), rec. 1963
Studio Five (Karel Velébny/Jan Konopàsek): Two Brothers (Jimmie Giuffre), rec.1958
Karel Krautgartner Tentett: In The Traffic (Ludek Hulan), rec. 1961
Junior Trio: The Evening Hour (Jan Hammer Jr.), rec. 1963
Junior Trio: Ballad (Jan Hammer Jr.), rec. 1965
Jazz Studio Prague: Outcry (Ludek Hulan), rec. 1963
Jazz Studio Prague: Blues auf der Haltestelle (Ludek Hulan), rec. 1961
Metronome Group featuring Ivo Preis (tp): Logorithm 6 (Bohumil Cipera), rec. 1963
Studio Five (Velébny): In Memoriam Oscar Pettiford (Oldrich Smid), rec. 1961

Gestaltung & Am Mikrofon: Helmut Weihsmann
Tontechnik & Produktion: Gernot Friedbacher