• 22 Blues in Modern Elegance
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Sendung 22 (Erstausstrahlung: Oktober 2010)

Blues in Modern Elegance – Die eleganten “Crooner“ des Jazz

Der Blues ist eine sehr persönliche, sehr ursprüngliche und sehr authentische Musik, die soziale und gesellschaftskritische Funktion bekommt je nach Interpretation. Und da der Blues menschliche Anteilnahme vom Sänger, vom Musiker und vom Zuhörer erfordert, kann es wohl kein objektives und einheitliches Bild geben. Ich betrachte den Bluesstil im Jazz als musikalische Weiterentwicklung vom Ursprung seiner Entstehung, den Baumwollfeldern des Südens einerseits und den Baptistenkirchen oder Gefängnissen in den Städten des Nordens andererseits. Blues ist für mich stets auch ein unverändert aktueller Zeitkommentar, als Aufschrei gegen Armut, Ausbeutung und Ungerechtigkeit im Leben einer unterpriviligierten Klasse und Rasse. Meine Sicht ist weder durchs Schlüsselloch noch vom hohen Sockel, sondern zeigt musikalische und inhaltliche Zusammenhänge auf. Der heutige Blues in seinen modernen Mischformen zwischen Gospel, Folk, Jazz, Rock, Reggae und Hip Hop ist ganz einfach zu lebendig, um ihn genau sezieren zu können. Im Mittelpunkt dieser Sendung stehen deshalb die Sänger/Innen, die zwischen den Schubfächern bzw. über die Kategorien stehen. Fast jeden Blues, den ich singe, habe ich in einer Art am Leib gespürt und erlebt. Diese Aussage von Jimmy Witherspoon liefert den Schlüssel für das Verständnis des Blues als Bestandteil einer ethnischen Subkultur und Rassendiskriminierung. Ihren eigenen Gesangsstil hatten die besten Bluessänger/Innen aus Kansas City hervorgebracht. Neben dem legendären Big Joe Turner, der zusammen mit dem Boogie-Klavierspieler Pete Johnson ein erfolgreiches Tandem bildete, ist hier vor allem Jimmy Rushing (wegen seiner Leibesfülle scherzhafterweise Mr. 2 x 5 genannt) zu nennen, der mit dem Orchester von Count Basie frühe Berühmtheit in der Swing-Ära erlangen sollte und von vielen Kennern der Materie noch immer als der beste Vertreter des städtischen Blues betrachtet wird. Aus den ländlichen Regionen des Mississippi Deltas kam im Zuge dessen auch eine zweite Welle Sänger nach Chicago, Detroit und Los Angeles, die stilbildend waren für den Rhythm & Blues und Soul, so auch Ray Charles und James Brown. Neben diesen verdienen weitere male crooners erwähnt zu werden, die ebenso aus dem Südwesten der USA stammen: Joe Williams, Jimmy Witherspoon und Clarence (Big) Miller. Ihr Gesang war im Gegensatz zu dem der klassischen Blues- und Folksänger aus dem ländlichen Süden nicht tiefsinnig und bedrückt. Er war vielmehr durch den “Holler“ bzw. “Shout“, den “Schrei“, gekennzeichnet, durch den wuchtigen Predigerton, der typisch für bestimmte religiöse Spirituals und Gospels, die Sermons und die Jubilees, ist. Und ihre Lieder waren häufig fröhlich und elegant. Der vitale Blues-Shouter Jimmy Witherspoon, der sich fast ausschließlich von Jazzbands begleiten läßt, steht in einer Linie mit Jimmy Rushing. Der ebenfalls von Kansas City beeinflußte Joe Williams führte als Nachfolger des letzteren in der Band von Count Basie die Bluestradition im Swing-Jazz fort. Joe Williams ist nicht nur ein hervorragender “Shouter“, sondern auch ein Balladen-Sänger erster Güte. Der technisch brilliante Jazzsänger Mel Tormé ist eine Ausnahmeerscheinung, allein schon weil er ein weißer Vokalist ist und mehr scat-orientiert ist als zum Bluesinterpreten. Tormé intoniert mit seiner klangvollen, jedoch leicht angerauhten, warmen und weichen Stimme absolut sicher und mit faszinierendem rhythmischem Schwung und enormen Swing-Feeling.

Musikbeispiele:

Jimmy Rushing: Did You Ever (Jimmy Rushing) rec. 1963 Al Cohn (arr.)
Jimmy Rushing: Undecided Blues (Jimmy Rushing) rec. 1969 Oliver Nelson (arr.)
Joe Turner: How Long, How Long Blues (Leroy Carr) rec. 1969
Clarence (Big) Miller: I Know (Clarence Horatio Miller) rec. 1959
Clarence (Big) Miller: It’s A Hard Life (Clarence Horatio Miller) rec. 1959
Clarence (Big) Miller: Lament To Love (Clarence Horiato Miller) rec. 1959
Jimmy Witherspoon: Goin’ To Chicago Blues (Basie/Rushing) rec. 1964
Jimmy Witherspoon: Gee Baby, Ain’t I Good To You (Redman/Razaf) rec. 1964
Joe Williams: Goin’ To Chicago (Basie/Rushing) rec. 1958
Joe Williams: Gee Baby, Ain’t I Good To You (Redman/Razaf) rec. 1958
Joe Williams: Everyday I Have The Blues (W. York) rec. 1958
Joe Williams: Jump for Joy (Ellington/Webster/Kuller) rec. 1963 Jimmy Jones (arr.)
Mel Tormé: It’s Only A Papermoon (Rose/Harburg/Arlen) rec. 1957
Mel Tormé: Autumn Leaves (Kosma/Mercer) rec. 1957
Mel Tormé: Until The Clouds Roll By (Wodehouse/Kern) rec. 1955
Mel Tormé: It’s A Blue World (Wright/Forrest) rec. 1955

Gestaltung & Am Mikrofon: Helmut Weihsmann
Tontechnik & Produktion: Gernot Friedbacher