• bosnien-4-2014
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In Bosnien brannten Regierungsgebäude – und doch war das so etwas wie eine Friedensbotschaft. Glosse von Bernhard Redl darüber, was wir von den Bosniern lernen könnten

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Manuscript:

Bosnische Verhältnisse

Daß das Stadtarchiv in Sarajevo abgebrannt ist, ist traurig. Aber im Unterschied zu den Riots in London wurden keine Vorstädte devastiert und im Unterschied zu Griechenland keine Migranten angegriffen. Nein, Regierungsgebäude und Polizeiautos brannten. Der Angriff zielte auf die Obrigkeit. Als das Präsidentschaftsgebäude brannte, erwischte es eben auch das Archiv. Militärs würden das einen Kollateralschaden nennen.
Physische Gewalt ist nie schön. Doch diesmal transportierte sie erstaunlicherweise auch eine Friedensbotschaft. Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek schrieb im britischen Guardian: “Auf einem der Fotos von den Protesten sehen wir die Demonstranten mit drei Flaggen nebeneinander winken: bosnisch, serbisch, kroatisch, den Willen zum Ausdruck bringend, die ethnischen Unterschiede zu ignorieren. Kurz gesagt, haben wir es mit einem Aufstand gegen die nationalistischen Eliten zu tun: Die Menschen in Bosnien haben endlich verstanden, wer ihr wahrer Feind ist: nicht andere ethnischen Gruppen, aber ihre eigenen Führer, die sie vor anderen zu schützen vorgeben. Es ist, als ob das alte und viel missbrauchten titoistische Motto der ‘Brüderlichkeit und Einheit’ der jugoslawischen Nationen neue Aktualität erworben hätte.”
Vielleicht gilt das jetzt nur für einen Moment der Geschichte. Denn in den exjugoslawischen Staaten, speziell in Kroatien, aber wohl auch noch in Bosnien, bestimmen Ethnizismen und Nationalismen immer noch stark den politischen Diskurs mit. Doch das muß nicht so bleiben. Während der Jugoslawienkriege hatten auch die jugoslawischen Migranten in Wien angefangen, sich auszudifferenzieren in verschiedene Ethnien und Staatsidentitäten. Heute aber definieren sich viele hier — vor allem deren nun erwachsene Kinder — wieder als “Jugos”. Vielleicht kann man das als ein Indiz nehmen, daß auch in den exjugoslawischen Staaten das Definieren von Ethnien mit der jungen Generation nachläßt.
Doch umgekehrt wird auch ein Schuh daraus. Denn während hierzulande und im Großteil der EU nationalistische Kriege schon längst Geschichte sind, weiß man in Bosnien und dem Rest Ex-Jugoslawiens aus eigener Erfahrung noch sehr genau, wie soziale Konflikte zu nationalistischen Bewegungen geführt haben und diese nicht die Lösung der Probleme brachten sondern die Katastrophe. Der alte Spruch “Die Grenzen verlaufen nicht zwischen den Völkern sondern zwischen oben und unten” wird in Bosnien vielleicht heute eher verstanden, als in EU-Ländern, wo sozialer Protest sich im Wählen von Strache und Wilders und Le Pen äußert.
Natürlich kann man sich über die Riots in Bosnien nicht wirklich freuen. Und die Photos und veröffentlichen Deklarationen können natürlich ein verfälschtes Bild der Situation erzeugen. Aber wenn der Protest ethnisch geeint sich tatsächlich nur gegen staatliche Obrigkeit und das Kapital richtete, könnten wir hierzulande von den Bosniern einiges lernen.
-br-